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Michael Schmidt-Ott – Kunstmarktexperte und Ambassador
Michael Schmidt-Ott ist ein international tätiger Kunstberater, Kurator und Netzwerker an der Schnittstelle von Kunstmarkt und Philanthropie. Mit Fund-Art kuratiert er Benefiz-Auktionen sowie die dazugehörigen Ausstellungen und realisiert diese in Kooperation mit renommierten Auktionshäusern wie Sotheby’s und dem Dorotheum.
Mit seinen Projekten der Wiener Charity-Galerie Challery sowie der Initiative Fund-Art verbindet er zeitgenössische Kunst gezielt mit gesellschaftlichem Engagement. Als Ambassador internationaler Kunstmessen ist Schmidt-Ott zudem für Formate wie die Abu Dhabi Art, Art Antwerp, Art Brussels, Art Düsseldorf, Art Rotterdam, Arte Fiera Bologna, Contemporary Istanbul und die SPARK Art Fair in Wien tätig. Dort konzipiert und begleitet er Sammlerprogramme, Events, Dinner und kuratierte Führungen, die Künstlerinnen und Künstler sowie Galerien mit Sammlerinnen und Sammlern in einem persönlichen Rahmen zusammenbringen.
Mit Projekten wie Challery oder Fund-Art verbindest du Kunst mit philanthropischem Engagement. Wie kam es ursprünglich zu der Idee, Charity und Kunst miteinander zu verbinden?
Den Anstoß gab ein Besuch im CS Hospiz Wien. Dort habe ich hautnah miterlebt, was es bedeutet, Menschen in den letzten Tagen ihres Lebens würdevoll zu begleiten – das hat mich zutiefst berührt. Als ich erfuhr, dass sich diese wichtige Einrichtung fast ausschließlich über Spenden finanziert, war für mich klar: Ich möchte selbst einen Beitrag leisten. Für mich gehören Kunst und gesellschaftliches Engagement untrennbar zusammen. So wie Künstlerinnen und Künstler ihr Medium einsetzen, um etwas auszudrücken, nutze ich mein Netzwerk, um etwas zu bewirken. Viele Kunstschaffende würden sich gerne stärker sozial engagieren, haben dafür aber oft weder die Zeit noch die richtigen Kontakte – genau hier setze ich als Vermittler an. Denn sie verfügen bereits über das wertvollste Mittel: ihre Werke. Mit den Benefiz-Auktionen und der Challery schaffe ich eine Brücke zwischen Künstlerinnen und Künstlern und den passenden Sammlerinnen und Sammlern, und das konsequent für den guten Zweck. Kunst wirkt so nicht nur beim Betrachten, sondern unterstützt ganz konkret Einrichtungen wie ein Hospiz oder eine Organisation, die pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz begleitet – Institutionen, die dringend auf Spenden angewiesen sind und die genau diese über die Challery und die Benefiz-Auktionen erhalten.
Deine Charity-Galerie „Challery“ verfolgt ein ungewöhnliches Konzept. Was unterscheidet dieses Modell von einer klassischen Galerie?
Die Challery ist ein weltweit einzigartiges Modell: eine Galerie, deren Erlöse zu hundert Prozent sozialen Projekten zugutekommen. Was vor elf Jahren als Pop-up-Format begann, ist heute eine feste Institution, die dauerhaft Werke von über 140 Künstlerinnen und Künstlern aus mehr als 35 Nationen zeigt – kuratiert, professionell präsentiert und vollständig im Dienst des guten Zwecks. Wer ein Werk gegen eine Spende erwirbt, unterstützt damit direkt und ohne Umwege soziale Einrichtungen, aktuell etwa das CS Hospiz Wien. Die Challery verbindet auf diese Weise professionelles Galeriegeschäft mit maximaler gesellschaftlicher Wirkung.
Als Ambassador internationaler Kunstmessen organisierst du VIP-Events, Dinner und Führungen für Sammler. Welche Rolle spielen solche persönlichen Begegnungen im Kunstmarkt?
Meiner Erfahrung nach lebt die Kunstwelt in erster Linie von persönlichen Begegnungen. Sammlerinnen und Sammler suchen den Austausch mit Gleichgesinnten, wollen diskutieren, lernen und sich gegenseitig inspirieren – verbunden durch dieselbe Leidenschaft für Kunst. Genau darüber möchten sie sprechen: über Werke, über die Geschichten dahinter, auch kontrovers. Dieser direkte Austausch, dieses gegenseitige Anregen, ist für mich der eigentliche Kern eines lebendigen Kunstmarkts – und er entsteht am zuverlässigsten im persönlichen Rahmen, nicht am Bildschirm.
Du arbeitest eng mit Sammlern, Galerien und Kunstmessen zusammen. Wie gelingt jungen Künstlerinnen und Künstlern heute der Einstieg in den Kunstmarkt?
Es braucht in erster Linie sehr viel harte Arbeit, gepaart mit dem richtigen Quäntchen Glück und Zufall – so klischeehaft das klingen mag, im Kunstmarkt trifft es zu. Was sich in den letzten Jahren spürbar verändert hat: Dank sozialer Medien ist es heute deutlich leichter geworden, sich eine erste Sichtbarkeit zu erarbeiten und sich dem Markt eigenständig zu präsentieren, ohne zwingend auf eine Galerie angewiesen zu sein.
Wenn du junge Künstler entdeckst, woran erkennst du früh, dass jemand das Potenzial hat, sich langfristig im Kunstmarkt zu etablieren?
Am wichtigsten ist für mich der erste Eindruck vom Werk selbst: Verfügt die Künstlerin oder der Künstler über eine eigene, wiedererkennbare Bildsprache, oder orientiert sich das Werk noch stark an bestehenden Positionen? Eigenständigkeit ist für mich das verlässlichste erste Signal. Ebenso entscheidend ist die Konsequenz, mit der jemand an einem Thema oder einer Werkgruppe dranbleibt, statt sich ständig neu zu erfinden – das zeigt mir eine tragfähige künstlerische Haltung, nicht nur einen gelungenen Einzelwurf. Genauso wichtig: wie reflektiert jemand über die eigene Arbeit sprechen kann. Kann die Künstlerin oder der Künstler erklären, woher die Ideen kommen und wohin sich das Werk entwickeln soll, zeigt das intellektuelle Tiefe und Reife. Ich achte außerdem sehr genau darauf, wie jemand mit Kritik und Rückschlägen umgeht – Offenheit für Feedback, ohne die eigene Position sofort aufzugeben, ist ein starker Indikator für langfristige Entwicklungsfähigkeit. Und nicht zuletzt spielt der Wille zur Sichtbarkeit eine Rolle: Wer bereit ist, sich zu zeigen, Netzwerke aufzubauen und auch unbequeme Wege zu gehen, hat aus meiner Erfahrung deutlich bessere Chancen, sich langfristig im Kunstmarkt zu etablieren. Am Ende ist es immer eine Kombination aus künstlerischer Qualität, Haltung, Reflexionsfähigkeit und Durchhaltevermögen – und, das gebe ich offen zu, ein Stück weit auch Bauchgefühl.
Welche Schritte sollten Künstler unmittelbar nach dem Studium unternehmen, um Sichtbarkeit in der Kunstwelt zu generieren?
Ausstellungen, Ausstellungen, Ausstellungen: Sich zeigen, gerade am Anfang so oft wie möglich, und dabei parallel gezielt ein Netzwerk aufbauen. Die sozialen Medien sollten regelmäßig und mit Substanz bespielt werden, denn die eigene Arbeit muss sichtbar nach außen treten. Auch der Schulterschluss mit Kolleginnen und Kollegen, gerne auch international, kann helfen, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Kurz gesagt: Zeigt eure Werke!
Wie wichtig sind Netzwerke und persönliche Kontakte zu Kuratoren, Galeristen und Sammlern, und wie kann man diese Beziehungen aufbauen?
Netzwerke und persönliche Kontakte sind in der Kunst genauso entscheidend wie in jedem anderen Bereich des Lebens. Nutzt Messen, Vernissagen und Ausstellungen konsequent – aber arbeitet parallel ebenso diszipliniert an der eigenen künstlerischen Qualität weiter. Wer sich zu sehr im ständigen Netzwerken verliert, verliert oft auch die Zeit im Atelier. Es kommt auf die richtige Balance an.
Was sind typische Fehler, die junge Künstler zu Beginn ihrer Karriere machen?
Zu schnell aufzugeben. Der Kunstmarkt ist hart umkämpft, und es braucht viel Disziplin, um sich zu behaupten. Wer erfolgreich sein will, muss mit Höhen und Tiefen rechnen und wissen, dass es oft lange dauert, bis man wahrgenommen wird. Mein Rat: An sich und das eigene Talent glauben, der eigenen künstlerischen Linie treu bleiben und konsequent nach außen sichtbar machen.
Zu schnell zu viel zu wollen. Eine tragfähige Karriere aufzubauen, braucht Zeit, Geduld, Beharrlichkeit – und ja, auch etwas Glück. Es geht Schritt für Schritt, und Phasen des Stillstands gehören ebenso dazu wie Phasen des Aufschwungs.
Ein häufiger Fehler bei der Preisgestaltung: zu hoch einsteigen. Meine klare Empfehlung ist, bescheiden zu beginnen – Preise lassen sich jederzeit nach oben anpassen, eine spätere Korrektur nach unten ist am Markt dagegen kaum durchsetzbar und schadet der eigenen Position. Kontinuierlich, aber realistisch zu wachsen, ist die nachhaltigere Strategie, auch wenn sich das im Einzelfall nicht immer exakt planen lässt.
Du bist viel mit Sammlern im Austausch. Was überzeugt Sammler davon, in junge Künstler zu investieren?
Ein Kunstkauf ist immer auch eine Investition in die Person, die das Werk geschaffen hat. Im Vordergrund steht selbstverständlich, etwas zu erwerben, das einem gefällt – doch jeder Kauf ist zugleich eine konkrete Unterstützung für die Künstlerin oder den Künstler. Er ermöglicht es, weiterzuarbeiten, neue Materialien zu finanzieren, neuen Ideen nachzugehen oder Projekte umzusetzen, die sonst nicht realisierbar wären. In diesem Sinn ist jeder Kunstkauf immer auch ein Investment in die Zukunft der Schaffenden.
Die Verkäufe bei deinen Auktionen erfolgen weitestgehend online. Wie schätzt du die Entwicklung von Online-Plattformen ein, auf denen Sammler Arbeiten kaufen, die sie vorher nie im Original gesehen haben?
Unsere Auktionen sind immer mit einer physischen Ausstellung gekoppelt, auch wenn der eigentliche Verkauf – wie auch bei der kommenden Auktion – vollständig online erfolgt. Für mich persönlich bleibt es wichtig, ein Werk vorab live gesehen zu haben; kenne ich die Künstlerin oder den Künstler und ihr Schaffen, kann ich die Arbeit deutlich präziser einschätzen. Gleichzeitig beobachte ich, dass die nachfolgende Generation von Sammlerinnen und Sammlern deutlich selbstverständlicher direkt aus dem Netz heraus kauft. In einer zunehmend digitalen Welt ist das eine logische und, wie ich finde, auch notwendige Entwicklung.
Gibt es einen bestimmten Sammlertypus, der gezielt nach jungen oder noch wenig bekannten Positionen sucht?
Sammlerinnen und Sammler sind grundsätzlich immer auf der Suche – nach dem Neuen, dem noch Unentdeckten, dem Moment der Begeisterung. Viele suchen dabei ganz gezielt junge, noch wenig etablierte Positionen, weil genau darin das größte Entdeckungspotenzial liegt. Ich würde sogar sagen: Fast jede Sammlerin und jeder Sammler schätzt junge Positionen – die Frage ist eher, wie früh man bereit ist, dieses Risiko einzugehen.
Wie hat sich die Rolle klassischer Galerien in den letzten Jahren verändert?
Der Wandel ist deutlich spürbar. Viele Galerien stehen unter erheblichem Kostendruck – Personal, Mieten, Messeauftritte – und müssen entsprechend mehr verkaufen. Das lässt weniger Raum, sich um die langfristige Platzierung ihrer Künstlerinnen und Künstler bei Museen und Kuratorinnen und Kuratoren zu kümmern, weil die laufenden Kosten zuerst erwirtschaftet werden müssen. Hinzu kommt, dass sich viele Künstlerinnen und Künstler dank sozialer Medien zunehmend selbst vermarkten und positionieren können. Insgesamt befindet sich die gesamte Galerienlandschaft in einem spürbaren strukturellen Umbruch.
Kunstmessen sind weiterhin zentrale Treffpunkte der Kunstszene. Welche Bedeutung haben sie heute für Künstlerinnen und Künstler, Galerien und Sammlerinnen und Sammler?
Kaum ein anderer Ort bietet eine vergleichbare Dichte an unterschiedlichen Positionen, Kulturen und Kunstwerken wie eine internationale Messe. Für Künstlerinnen und Künstler sowie Galerien sind Messen die zentrale Bühne, um ihre Arbeit zu zeigen – und gleichzeitig ein Ort, um neue Kontakte zu knüpfen und Sammlerinnen und Sammler persönlich kennenzulernen. Auch Sammlerinnen und Sammler selbst vernetzen sich hier intensiv, tauschen sich aus, besuchen einander und öffnen ihre Sammlungen – ein sehr lebendiger Austausch, von dem am Ende alle Seiten profitieren. Deshalb baue ich bei den Messen, die ich als Ambassador betreue, gezielt Atelierbesuche mit ein: Es gibt kaum etwas Wertvolleres, als direkt am Ort des künstlerischen Schaffens dabei zu sein. Gleichzeitig stehen Messen wie Galerien vor derselben Aufgabe: sich einer neuen, jüngeren Sammlerschaft zu öffnen, ohne die bestehende zu vernachlässigen.
Welche Entwicklungen im Kunstmarkt beobachtest du derzeit besonders aufmerksam?
Vor allem den bereits beschriebenen strukturellen Wandel der Galerienszene – und ich beobachte, dass sich auch Messen in den kommenden Jahren verändern werden müssen. Die Ansprache junger Sammlerinnen und Sammler ist nicht mehr so einfach wie früher: Sie bewegen sich auf anderen Kanälen und suchen auf anderen Plattformen nach Künstlerinnen und Künstlern. Ihr Alltag ist schlicht digitaler geprägt als der der bisherigen Sammlerschaft. Ich bin überzeugt, dass hier in den kommenden Jahren noch erhebliche Bewegung entstehen wird.
Wenn du auf die nächsten Jahre blickst, welche Veränderungen erwartest du für junge Künstler, die heute in den Markt eintreten?
Ich rechne mit einem weiter zunehmenden Wettbewerb um Galerievertretungen. Künstlerinnen und Künstler ohne feste Galerie werden verstärkt auf alternative Plattformen angewiesen sein, um sichtbar zu bleiben. Soziale Medien sind für viele bereits heute die eigentliche Visitenkarte, und Plattformen wie Frühwerk können diese Sichtbarkeit zusätzlich verstärken.
Wenn du einem jungen Künstler nur einen einzigen Rat für den Einstieg in den Kunstmarkt geben könntest, welcher wäre das?
Bleib dir, deinen Ideen und deiner künstlerischen Haltung treu. Arbeite hart, bleib neugierig – und zeig konsequent das Beste, was in dir steckt.
