Lukas Jakob – Collector

Lukas Jakob sammelt zeitgenössische Kunst im Grenzraum zwischen Deutschland, Frankreich und der Schweiz – mit einem Blick für Positionen, die Scheitern, Verletzlichkeit und ein dekonstruiertes Heldentum verhandeln, statt sie zu verstecken. In diesem Frühjahr wurde die Sammlung erstmals museal gezeigt: Unter dem Titel „Anti Heroes“ bespielte sie, kuratiert gemeinsam mit Direktor Sebastian Schmitt, die Villa Merkel, Galerie der Stadt Esslingen – mit raumgreifenden Installationen und Positionen u. a. von Thomas Liu Le Lann, Neckar Doll, Julian-Jakob Kneer, Natacha Donzé, Gabriella Torres-Ferrer und Rindon Johnson. Ein Gespräch über Sammelleidenschaft, die Figur des Antihelden und die Frage, wie man sich als junger Sammler Netzwerke und Sichtbarkeit für Positionen erarbeitet, die noch niemand auf dem Zettel hat.

Lukas Jakob, Photo Joschua Yesni Arnaut 

Wie hat sich deine Sammelleidenschaft entwickelt? Gab es einen Punkt, den du festmachen kannst, an dem für dich klar war, dass es bei deinem Interesse für Kunst nicht mehr nur ums Betrachten ging, sondern dass du eine eigene Sammlung mit einer Aussage aufbauen wolltest?

Das kulturell reiche Umfeld zwischen Deutschland, Frankreich und der Schweiz hat meine Leidenschaft für Kunst stark geprägt. Ich bin dankbar, hier aufgewachsen zu sein. Wir haben eine außergewöhnliche Dichte an Institutionen, spannende Privatsammlungen und immer wieder neue, junge und visionäre Direktorinnen und Direktoren mit hochkarätigen Programmen. Der Austausch über die Ländergrenzen hinweg war für mich immer identitätsstiftend. Vielleicht erklärt das auch mein Selbstverständnis als Brückenbauer: Ich möchte Menschen miteinander verbinden, neue Netzwerke schaffen und daraus spannende Projekte entwickeln. Eine Sammlung entsteht für mich deshalb nicht nur aus einzelnen Kaufentscheidungen, sondern auch aus Beziehungen, Begegnungen und dem Wunsch, diese Verbindungen weiterzutragen.

Deine Sammlung ist etwas Besonderes: Sie vereint nicht die Top of the Pops des Kunstmarktes, die jeder haben will, sondern fokussiert sich auf raumgreifende Installationen und Positionen, die ein bestimmtes Bild einer Generation widerspiegeln. Was muss ein Künstler oder eine Arbeit haben, damit dein Interesse anspringt?

Ich bin mit einer gewissen Liebe zum Extremen aufgewachsen. Mein Vater hat eine ungeheuerliche Motorradsammlung und war Bodybuilder. Vielleicht hat mich diese Verbindung aus Disziplin, Exzess, Hingabe und einer gewissen Lust am Anderssein geprägt. Mit meiner Sammlung möchte ich eine Plattform für Positionen schaffen, die das Scheitern nicht verstecken, sondern ihm Raum geben. Mich interessieren Künstlerinnen und Künstler, die Schwächemomente offenlegen, Zweifel zulassen und klassische Vorstellungen von Stärke und Heldentum hinterfragen. Die Arbeiten bewegen sich häufig zwischen Selbstinszenierung, Scheitern, Machtstrukturen und Ohnmacht. Dabei greifen sie visuelle Codes aus Popkultur, Internetästhetik, Psychologie, Mode, Film und Geschichte auf. Viele dieser Arbeiten wirken zunächst erschöpft, mutlos oder in sich gekehrt. Gerade darin liegt für mich ihre Stärke. Wie der Soziologe Ulrich Bröckling schreibt, verbindet Künstler und Heroen, Kunstwerke und Heldentaten, dass sie etwas sinnlich anschaulich machen, das zugleich über sie hinausweist.

Neckar Doll, About Ordal, 2018. Jakob Collection. © Jakob Collection

Im Frühjahr war deine Sammlung unter dem Titel „Anti Heroes“ in der Villa Merkel in Esslingen zu sehen, ihre erste museale Präsentation. Was fasziniert dich an der Figur des Antihelden?

Die Sammlung versammelt Doppelgänger, Schattenmänner und Alter Egos. Der Held unserer Zeit kämpft vielleicht eher mit Liebeskummer, Alkoholproblemen oder Depressionen als mit einem klassischen äußeren Feind. Das Heroische wird dekonstruiert, maskiert oder performt. Der Antiheld ist für mich deshalb eine Figur, die in die Gegenwart passt. Er steht für eine Gesellschaft, die nicht mehr unbedingt auf Erlösung wartet, sondern Widersprüche, Verletzlichkeit und Scheitern als Teil des Menschlichen anerkennt. Genau diesen Positionen möchte ich Sichtbarkeit verschaffen. Für die Präsentation in der Villa Merkel wurden die Räume in verschiedene Kapitel gegliedert, die sich mit Antihelden in der Literatur beschäftigten. Schließlich hat die Figur dort auch einen ihrer Ursprünge. Das war die spannende Idee des Direktors Sebastian Schmitt. Als Besucher konnte man unterschiedliche Facetten des Antihelden durchschreiten. Fast wie der Protagonist in Hermann Hesses Steppenwolf, der sich durch ein Magisches Theater bewegt. Ein wichtiger Impuls war für mich Ulrich Bröcklings Essay Postheroische Helden. Ein Zeitbild. Er stellt darin die Frage, ob wir in einer durch Organisation und Technologie strukturierten Welt überhaupt noch Helden brauchen und wie sich Heldentum in unserer Gegenwart verändert. Der klassische Held hat für mich weitgehend ausgedient. An seine Stelle treten gebrochene Figuren, die Orientierung geben können – nicht durch Größe, sondern durch Menschlichkeit. Für die letzte Sammlungspräsentation habe ich mich deshalb auch mit Bröckling ausgetauscht. Diesen Dialog zwischen Kunst, Soziologie und Literatur möchte ich weiterführen. Für mich liegt darin ein wesentlicher Mehrwert einer Sammlung: Sie kann Ausgangspunkt für Gespräche sein, die weit über einzelne Werke hinausgehen.

Julian-Jakob Kneer, BASTARD (CAREGIVER, 2). © Jakob Collection

Wo entdeckst du heute konkret neue Künstlerinnen und Künstler, die noch niemand auf dem Zettel hat: eher auf Rundgängen der Akademien, in Offspaces, auf Messen, auf Instagram oder über Empfehlungen?

Ich beobachte das Programm einiger spannender, engagierter und junger Galerien.

Erinnerst du dich an einen Kauf, der Liebe auf den ersten Blick war?

Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich Thomas Liu Le Lanns erschaffenen Superhelden auf der LISTE in Basel entdeckt habe. Mit dem ohnmächtigen Gefühl, das von diesem weichen Helden ausging, konnte man sich nach der langen Zeit der Isolation während der Pandemie sehr gut identifizieren. Anhand seiner poetischen Skulpturen hinterfragt Thomas Liu Le Lann gängige Vorstellungen von Männlichkeit. Sein sieben Meter hoher, weicher Held „Shion“ wirkt schlaff und erschöpft, als sei er von der Welt um ihn herum verlassen worden. Verhüllt in einer Harlekinmaske, bleibt offen, ob er auf dem Weg zu einer Fetischparty ist oder den nächsten Bankraub plant. Dieser überforderte Superheld ist für mich ein Sinnbild unserer krisengeschüttelten Zeit. Mich fasziniert, wie Thomas Liu Le Lann Verletzlichkeit, Zerbrechlichkeit und sogar die eigenen Unsicherheiten nicht verbirgt, sondern zum Ausgangspunkt seiner Arbeit macht

Thomas Liu Le Lann, Shion, 2021. Jakob Collection. Foto: Marc Doradzillo. © Jakob Collection

Sammelst du in erster Linie für dich, oder spielt es für dich eine wichtige Rolle, deine Sammlung auszustellen und andere daran teilhaben zu lassen?

Am schönsten ist es natürlich, Kunst mit anderen zu teilen. Mit meiner Sammlung zu Hause zu leben, funktioniert allerdings nur eingeschränkt. Viele der Arbeiten sind installativ oder räumlich sehr präsent und lassen sich nicht einfach in die eigenen vier Wände integrieren. Deshalb liegt ein Schwerpunkt auf öffentlichen Präsentationen. Wir haben die Sammlung bereits an sehr unterschiedlichen Orten gezeigt, unter anderem in einer ehemaligen Metzgerei, einer Kapelle, einem Elektrizitätswerk und einer Industriellenvilla. Gerade diese unterschiedlichen Räume verändern auch die Wahrnehmung der Arbeiten. Eine Sammlung wird für mich deshalb erst richtig spannend, wenn sie in Dialog mit ihrer Umgebung und mit anderen Menschen tritt.

Lukas Jakob mit Arbeiten von Marina Faust. Jakob Collection, Villa Merkel. Foto: Daniela Wolf

Der Kunstmarkt wird von vielen Menschen als elitärer Zirkel gesehen, zu dem man keinen Zugang erhält. Wie ist dein Blick auf die Kunstszene?
Ich glaube, dass diese Vorstellung der Kunstwelt als geschlossener Zirkel nicht der Realität entspricht. Die Kunstwelt habe ich als eine Community erlebt, in der man gemeinsam lernen, Fragen stellen und auch scheitern darf. Kunst ist für mich immer auch ein Bildungsprozess. Museen, Ausstellungen, Künstlergespräche und Vermittlungsangebote schaffen viele Möglichkeiten, einen eigenen Zugang zu entwickeln, auch unabhängig davon, wie viel Erfahrung man mitbringt. Man muss nicht alles verstehen und schon gar nicht alles kennen. Neugier reicht als Ausgangspunkt völlig aus, und man lernt dabei neue Sichtweisen auf das Leben kennen, die einen in eine neue Schicht der Erkenntnis tragen.

Du hast mit einem sehr überschaubaren Budget angefangen zu sammeln. Was rätst du jungen Menschen, die mit wenigen hundert Euro einsteigen wollen: Editionen, Arbeiten auf Papier, direkt bei Studierenden kaufen?

Mit meinem ersten Lehrgehalt hatte ich eine Arbeit von Katharina Grosse erworben. Das war eine absolute Überzeugungstat, nachdem ich mich lange mit ihrer Arbeit auseinandergesetzt hatte. Wie radikal neu sie Malerei dachte, hat mich fasziniert. Diese neue Idee davon, wo ein Bild landen kann, trage ich heute mit mir herum. Wenn ein Kunstwerk die Kraft besitzt, den Blick auf das eigene Leben zu bereichern, gibt es doch nichts Schöneres, als es jeden neuen Tag erblicken zu dürfen.

Kaufst du auch online, ohne das Werk vorher im Original gesehen zu haben? Was muss gegeben sein, damit du dabei ein gutes Gefühl hast?

Ja, das kommt auch vor. Oftmals verfolge ich die Arbeit der Künstlerin oder des Künstlers dann bereits länger und habe sie schon persönlich gesehen.

Viele Sammler deiner Generation sprechen offen über Kunst als Investition. Wie hältst du es damit bei Positionen, die noch gar keinen Markt haben?

Für mich ist ein Kunstkauf immer auch eine Investition in die Karriere einer Künstlerin oder eines Künstlers. Eine Form der Bestätigung und ein „Weiter so“. Das gilt übrigens genauso für die Arbeit der Galerie. Gerade Allianzen, die früh gebildet werden, haben das Potenzial, sich gemeinsam weiterzuentwickeln, oftmals auch persönlich, was viel kraftvoller ist als reine finanzielle Spekulation.

Installation view: Natacha Donzé, Gabriella Torres-Ferrer: Anti Heroes. Jakob Collection, Villa Merkel, Galerie der Stadt Esslingen, Foto Frank Kleinbach © Jakob Collection

Du hast früh Beziehungen zu Künstlern aufgebaut, die über den einzelnen Kauf hinausgehen. Was können junge Künstlerinnen aktiv dafür tun, dass aus einem ersten Verkauf eine langfristige Begleitung wird?

Die Künstlerinnen und Künstler halten mich über ihre Entwicklungen auf dem Laufenden, und ich reise zu Eröffnungen und Performances. Gleichzeitig tauschen wir uns auch über Literatur, Filme, Reisen, Ausschreibungen oder andere Projekte aus. Eine langfristige Beziehung entsteht durch echtes Interesse aneinander und durch gegenseitige Unterstützung. Ich versuche deshalb auch, Künstlerinnen und Künstler weiter zu vernetzen und neue Möglichkeiten für Kooperationen zu schaffen, weil ich von ihrer Arbeit überzeugt bin und ihre Ideen weitertragen möchte.

Wie siehst du die Zukunft des Kunstmarktes? Gibt es neben den etablierten Institutionen wie Galerien und Messen Vermittlungs- oder Verkaufsformate, von denen du glaubst, dass sie den Kunstmarkt erweitern können?

Ich schätze visionäre Projekte wie den Basel Social Club.

Titelebild: Thomas Liu Le Lann, Evgenij Gottfried, Julian-Jakob Kneer, Neckar Doll, Joschua Yesni Arnaut, Anti Heroes. Jakob Collection, Villa Merkel, Galerie der Stadt Esslingen, Foto Frank Kleinbach © Jakob Collection