Hartmut Neumann vor einer seiner Arbeiten

Hartmut Neumann – Maler, Bildhauer, Fotograf

Hartmut Neumann, 1954 in Delmenhorst geboren, hat von 1976 bis 1980 an der Hochschule für Künste Bremen Malerei und Grafik studiert. Die Anerkennung kam früh: 1981 der Preis des Forum Junger Kunst, 1983 der Kunstpreis junger westen, dazu Stipendien nach Paris und Rom, 1988 der Kunstpreis des Deutschen Künstlerbundes. Es folgten Einzelausstellungen in Galerien und Museen, Biennalen in Paris, Ljubljana und Neu-Delhi, Ankäufe in Sammlungen wie dem Kolumba in Köln und dem Sprengel Museum Hannover.

In seiner Malerei, seinen Skulpturen, Fotoarbeiten und Zeichnungen baut Neumann eine eigene Natur: üppige Flora, rätselhafte Fauna, Paradiese mit doppeltem Boden, in denen sich Gewachsenes und Künstliches nicht mehr sauber trennen lassen. Von 1992 bis zu seiner Pensionierung 2022 war er Professor an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und hat dort drei Jahrzehnte lang Studierende auf dem Weg in den Betrieb begleitet. Er lebt und arbeitet in Köln und Erftstadt.

Neumann kennt den Kunstbetrieb doppelt: als junger Künstler, der Anfang der Achtziger selbst am Anfang stand, und als Lehrer, der drei Jahrzehnte beobachtet hat, wer den Sprung schafft und wer nicht. Ein Gespräch über eine eigene Bildwelt, die sich über vierzig Jahre entwickelt hat, über das, was sich vom eigenen Weg an eine nächste Generation weitergeben lässt, und über einen Betrieb, der sich seit den frühen Achtzigern in vielem verändert hat, im Kern aber vielleicht doch nicht.

Entdeckung der Tiere, Öl auf Leinwand, 258 x 384 cm, 2012/13, Foto: Alistair Overbruck

Du hast bis 1980 an der Kunsthochschule Bremen studiert. Erinnerst du dich, wie deine Familie und dein Umfeld damals darauf reagiert haben? Musstest du dir diesen Weg erkämpfen, oder hattest du Rückhalt?

Ich hatte den vollen Rückhalt meiner Eltern, obwohl ich aus einer klassischen Arbeiterfamilie komme. Vater Fabrikarbeiter bei der DLW, Mutter Hausfrau.

Wie lange hast du gebraucht, bis du das Gefühl hattest: Jetzt habe ich eine eigene Bildsprache entwickelt und kann Dinge formulieren, die so noch keiner auf die Leinwand bekommen hat?

Eigentlich direkt nach dem Studium und den dann folgenden kontinuierlichen Entwicklungen und Veränderungen der eigenen Bildsprache.

Direkt nach deinem Abschluss kamen früh renommierte Preise und Stipendien. Welche Ausstellungen in Institutionen und Galerien waren damals für dich die wichtigsten?

Einzelausstellungen in der Galerie Der Spiegel in Köln, der Galerie Poll in Berlin und in der Neuen Galerie Sammlung Ludwig/Ludwig Forum in Aachen, der Kunsthalle Recklinghausen und natürlich der Biennale in Paris.

Kannst du dich an den Moment erinnern, an dem du dachtest: Jetzt kann ich davon leben?

Nach den Einzelausstellungen in den Galerien und dem damals sehr renommierten Preis Forum Junger Kunst mit vier weiteren jungen Künstlern in einer großen Ausstellung im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart.

Ein Stipendium in Rom, eines in Paris: Was hat der Ortswechsel mit deiner Arbeit gemacht, den ein Atelier in Deutschland nicht geleistet hätte?

Kleines Atelier in Paris, großes Atelier in der Villa Massimo in Rom. Sehr konzentriertes Arbeiten, wunderbarer Austausch mit Künstlerkollegen in einer tollen Umgebung. Da konnte mein Atelier in Delmenhorst nicht wirklich mithalten. Der Ortswechsel hat meine Arbeit nicht sehr wesentlich verändert, wohl aber intensiviert. Die stärkeren Veränderungen kamen erst nach dem Romaufenthalt.

Du arbeitest in Malerei, Zeichnung, Skulptur und Fotografie parallel. Wie entscheidet ein Motiv, in welchem Medium es landet?

Das ist eine sehr komplexe Gemengelage. Das Überthema, die Besonderheiten der üppigen, phantastischen, exotischen Pflanzen- und Tierwelt in Gegenwart und Zukunft, bleibt bei allen Medien gleich. Die Herausforderung ist, neben dem Überthema, das jeweilige Medium mit zu thematisieren und herauszuarbeiten. Vieles läuft parallel, durch den Wechsel des Mediums entstehen immer wieder neue Bildideen. Ich habe mal geschrieben: Das Zeichnen zum Überleben, das Foto aus Sucht, die Plastik zur Freude, das Malen für Alles.

Deine Paradiese haben einen doppelten Boden. Was interessiert dich am Kippmoment zwischen dem Gewachsenen und dem Künstlichen mehr, als das eine gegen das andere zu behaupten?

Das eine bedingt das andere, erst durch die Verknüpfung wird es für mich zur Kunst.

Vierzig Jahre an einer eigenen Bildwelt zu arbeiten heißt auch, sich selbst treu zu bleiben, ohne stehen zu bleiben. Wie hast du gemerkt, wann es Zeit für eine Verschiebung war?

Es fließt zum Glück einfach alles immer weiter, ich weiß immer genau, wann ich neue Ideen einfließen lassen muss. Es gibt keine harten Brüche, sondern für mich nur logische Weiterentwicklungen. Natürlich unterscheidet sich eine Arbeit von 1990 und 2010.

Andere Verunreinigungen (Naturphänomene), Gouache auf Papier, 2015

Wie bist du zu deiner ersten Galerie gekommen, und was hat eine gute Zusammenarbeit damals von einer beliebigen unterschieden?

Der Kontakt entstand bei den Treffen von Professoren, Künstlern und anderen interessierten Personen bei der Gründung des Kunstvereins Gesellschaft für aktuelle Kunst in Bremen, GAK, an denen auch Brigitte und Udo Seinsoth, die Galeristen der Galerie Beim Steinernen Kreuz in Bremen, als treibende Kraft teilnahmen. Sie interessierten sich direkt nach dem Studium für meine Arbeit. Die Galerie war der Treffpunkt der Szene in Bremen. Es entstand eine sehr vertrauensvolle, langjährige Zusammenarbeit mit den Galeristen, die parallel eines der bekanntesten deutschen Antiquariate betrieben. Sie hatten wunderbare Kontakte und standen mit voller Überzeugung hinter ihren Künstlern, unabhängig von den Verkaufszahlen.

Museen, Kunstvereine, Biennalen in Paris, Ljubljana und Neu-Delhi: Wie kamen die institutionellen Einladungen zustande, und gab es Fürsprecher, die dir dabei Türen geöffnet haben?

Der Wichtigste für mich war Wolfgang Becker, der Direktor vom Ludwig Forum in Aachen. Er hat meine Ausstellung in der Berliner Galerie Poll gesehen und mich zur Biennale de Jeunes nach Paris eingeladen. Er war der Kommissar für den deutschen Beitrag. Dann Hans Albert Peters, den ich in der Villa Massimo kennengelernt habe, er war der damalige Direktor des Kunstmuseums Düsseldorf und deutscher Kommissar für die Triennale in Neu-Delhi, zu der er mich einlud. Sehr wichtig waren auch die Leiter der Kunsthalle Recklinghausen, Ferdinand Ulrich und Hans Jürgen Schwalm, sowie der Direktor des Kunstmuseums Bochum, Hans Günter Golinski. Gerade in den ersten zehn Jahren waren diese Personen für meine künstlerische Laufbahn sehr wichtig. Es folgten dann einige weitere tolle Unterstützer aus anderen Museen.

Deine Arbeiten sind in Sammlungen wie dem Kolumba in Köln. Wie nah lässt du Sammlerinnen und Sammler an dich und dein Atelier heran, und hat sich das über die Jahrzehnte verändert?

Freunde, Förderer und natürlich Kuratoren sind immer herzlich willkommen. Mir Unbekannte nur in Absprache mit meinen Galeristen. Grundsätzlich habe ich kein Problem mit Besuchen, das hat sich auch in den Jahren nicht verändert. Es bewegt sich aber im überschaubaren Rahmen.

Gibt es eine Ausstellung oder einen Ankauf in deiner Laufbahn, den du im Rückblick als eigentlichen Wendepunkt siehst, auch wenn er im Moment selbst nicht so aussah?

Kein Wendepunkt, aber große Freude war ein großer Ankauf vom Kolumba. Jeder Ankauf ist aber etwas Tolles, nicht nur das Finanzielle, sondern besonders die dadurch gezeigte Wertschätzung der Arbeit.

Was war das Wichtigste, das du selbst von deinem eigenen Professor gelernt hast und das du an deine Studierenden weitergeben wolltest?

Empathie, Eigenständigkeit und die, hoffentlich vorhandenen, Stärken des Studierenden erkennen, fördern und gemeinsam herausarbeiten. Nicht ein Konzept für alle. Die Vergangenheit verstehen, die Gegenwart akzeptieren und die Zukunft denken.

Woran erkennst du in der Klasse, wer den Sprung in den Betrieb schafft, und wie oft hast du dich geirrt?

Wer besessen, fleißig und neugierig ist, hat eine kleine Chance. Diejenigen, die es geschafft haben, waren für mich keine Überraschungen. Aber ich hätte es einigen mehr zugetraut, das System ist gnadenlos. Selbst die Besten schaffen es oft nicht.

Lässt sich eine Kunstkarriere mit Passion, Talent und Engagement planen, oder entscheiden am Ende andere Faktoren?

Nur teilweise. Es gehört einfach auch viel Glück dazu, zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle mit der richtigen Arbeit zu sein.

Was unterscheidet deine eigenen Anfänge in Bremen Ende der Siebziger am stärksten von dem, was deine letzten Studierenden in Braunschweig vorgefunden haben?
In Bremen gab es die Lehrmittelfreiheit, absoluter Luxus. Insgesamt war der finanzielle Druck nicht so groß. Wir hatten ein offeneres Klassenprinzip, was Vor- und Nachteile hatte. Es ist jetzt internationaler geworden.

Wie hat sich die Atmosphäre an der Kunsthochschule verändert, seit du dort unterrichtest?

Nicht zum Positiven in den letzten Jahren. Die Offenheit, Neugier und Risikobereitschaft hat nachgelassen, die Qualität leider auch. Das ist natürlich ein sehr subjektiver Blick. Die sozialen Medien tun ihr Übriges.

Wie hat sich die Haltung der Studierenden zu ihrer Ausbildung im Vergleich zu früheren Jahrgängen verändert?

Die Unsicherheit hat spürbar zugenommen.

Du kennst den Kunstbetrieb aus den Achtzigern, den Neunzigern und heute, als Künstler und als Lehrer. Was hat sich am stärksten verändert, im Guten wie im Schlechten?

Für Künstler waren die Achtziger und Neunziger viel überschaubarer. Es war alles viel lokaler und nationaler, dadurch war die Konkurrenz auch geringer. Das Geld und die Spekulation standen nicht so sehr im Vordergrund. Heute ist es viel internationaler und durch das Internet natürlich schneller zu verbreiten. Das bringt natürlich auch viele neue, spannende Kunst und Kunstdebatten hervor. Es gibt meiner Meinung nach mittlerweile zwei Richtungen, den Kunstmarkt und die „Biennale-Kunst“. In dem kommerziellen Kunstbetrieb hat zu viel Show und Event Einzug gehalten, die Kunst bleibt auf der Strecke. Die „Biennale-Kunst“ und der Kunstvereinsbetrieb werden immer mehr zu reinen Debattier- und Diskursveranstaltungen mit zu vielen politisch-soziologischen Themen. Viel Inhalt, wenig Form. Diese beiden Seiten spiegeln sich auch in der Kunsthochschule wider.

Braucht es den klassischen Weg über die Galerie heute noch, oder gibt es inzwischen ernstzunehmende Alternativen?

Ja, denn ohne Galerie ist es fast aussichtslos, in den Kunstbetrieb reinzukommen, denn vieles wird erst auf den Kunstmessen wahrgenommen. Das betrifft vor allem die klassischen Medien. Aber ich sehe keine brauchbaren Alternativen, obwohl die Selbstorganisation der Künstler stark zunimmt. Es gibt immer mehr alternative Ausstellungsorte und Performance-, Film- und Videoveranstaltungen.

Ungeklärte Turbulenzen, Öl auf Lwd., 360 x 600 cm, 2019

Deine Top 5 Kunstausstellungen aus dem letzten Jahr.

Kerstin Brätsch – MetaAtem, Kunstmuseum Bonn; Hans Peter Feldmann, Kunstpalast Düsseldorf; Dieter Krieg – Maler, Diebe und Gesindel, MKM Museum Küppersmühle, Duisburg; Alberto Giacometti – Das Maß der Welt, Kunsthalle Bremen; Uncertain Maps, KAI 10/Arthena Foundation, Düsseldorf.

Deine Top 5 Kunstevents.

Habe da keine Top 5.

Deine Top 5 Kunstorte.

Kolumba, Köln; Museum Insel Hombroich; Fondation Beyeler, Riehen/Basel; Sammlung Zander, Köln; Venedig.

Titelbild: Hartmut Neumann, Ungeklärte Turbulenzen 2019, Öl auf Lwd., 360 x 600 cm Fotograf: Carl Friedrich Schröer