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Maurice Funken – Direktor Neuer Aachener Kunstverein
Der Neue Aachener Kunstverein wurde 1986 gegründet und ist in diesem Jahr vierzig geworden. Vier bis fünf Ausstellungen im Jahr, getragen von den Mitgliedern, und eine Chronik, in der Bruce Nauman, Gerhard Richter, Candida Höfer und Valie Export ebenso stehen wie eine lange Reihe von Positionen, die hier ihre erste institutionelle Sichtbarkeit erfahren haben. Kunstvereine sind der Ort, an dem sich entscheidet, welche künstlerische Arbeit überhaupt in den Kanon des Sichtbaren gelangt, lange bevor Museen und Markt darüber verhandeln.
Maurice Funken hat Kunstgeschichte in Aachen und York studiert, kam 2015 als kuratorischer Assistent an den NAK und leitet das Haus seit 2018. Seine Haltung ist klar: In der Kunst gehe es um Qualität, und diese Qualität gerade dort zu erkennen, wo noch niemand hinsieht, sei die eigentliche Aufgabe eines Kunstvereins.
Ein Gespräch über kuratorische Entscheidungen und ihre Voraussetzungen, darüber, woran sich Substanz in einem noch offenen Werk ablesen lässt, über die Durchlässigkeit institutioneller Netzwerke und über die Ökonomie der Aufmerksamkeit, in der sich der Betrieb eingerichtet hat.
Du leitest den NAK seit 2018. Was hast du vom Programm deiner Vorgängerinnen und Vorgänger fortgeschrieben, und woran erkennt man deine eigene Handschrift?
Wenn ein Kunstverein bereits lange Zeit existiert, kann man nie völlig mit der Programmatik der vergangenen Jahre brechen. Was den NAK von jeher auszeichnete war ein Gespür für junge Positionen. Und damit ist nicht zwangsläufig das Alter der Künstler_innen gemeint: der Kunstverein bietet jungen Talenten die Möglichkeit erste institutionelle Ausstellungserfahrungen zu sammeln, zeigt aber ebenfalls bereits deutlich etabliertere Positionen, die aber vielleicht hierzulande noch wenig Beachtung gefunden haben. Gerade in der Grenzlage Aachen fällt dabei häufig der kuratorische Blick in die Niederlande und Belgien, deren Kunstszene, eine Nähe, die bereits meine Vorgänger_innen zu schätzen wussten. Die eigene kuratorische Handschrift hat sich tatsächlich im NAK erst entwickelt, gerade auch dank meiner Tätigkeit als kuratorische Assistenz am gleichen Ort. Das war ein großartiger Lernprozess unter dem vorherigen Direktor Ben Kaufmann, dessen oftmals unkonventionelle Methoden und DIY-Energie ich sehr zu schätzen weiß. Kuratieren ist für mich immer auch an persönliche Interessen (nicht nur aus dem Bereich der Kunst) gebunden; mein Programm lässt deshalb oftmals – nicht nur, aber auch popkulturelle – Positionen auftauchen, die an Schnittstellen zur Kunst operieren, die Disziplinen mischen, experimentieren, Neues zustande bringen.
Zwischen der ersten Begegnung mit einer Arbeit und der Zusage für eine Ausstellung liegt ein Prozess, den von außen niemand sieht. Wie verläuft er bei dir?
Manchmal beobachtet man Künstler_innen jahrelang, bis der geeignete Zeitpunkt für eine Zusammenarbeit sich ergibt. Manchmal bleibt es auch beim Beobachten. Manche Positionen spart man sich auch auf, weil man ahnt, es passt vielleicht nicht ins Programm, an den Ort, auch wenn man die jeweilige Arbeit schätzen mag. Wieder andere Ausstellungen haben einen geringen Vorlauf, wenngleich ich aufgrund von immer weiter angespannten Fördersituationen so etwas vermeiden möchte, was eigentlich schade ist, da es die eigene Spontanität und die Aktualität des Programms bremst. Neue Medien sind für ein erstes Kennenlernen der Positionen natürlich spannend, aber ohne das tatsächliche Sehen einer Arbeit in einer Show, einer Messe, bei einem Studiobesuch, wird es nicht zur Ausstellung kommen. Ebenso wichtig ist dann, was die Künstler_innen gerade umtreibt, sie beschäftigt, in welche Richtung die Arbeit geht, ob ich diesen Prozess begleiten und antreiben möchte. Wenn dann ein beidseitiges Interesse aufkommt und man – seien wir ehrlich – sich dann auch menschlich versteht, dann kommt es im besten Fall zur Ausstellung.
Welche Kriterien legst du an? Gibt es Bedingungen, ohne die eine Position für den NAK gar nicht erst infrage kommt?
Künstlerische Qualität und Professionalität sind wohl am wichtigsten, dicht gefolgt vom Impuls, etwas Neues zeigen zu wollen, etwas was woanders noch nicht gezeigt wurde, sowohl in den Arbeiten als auch deren Aussagen. Sind die Künstler_innen allerdings trotz grandioser Arbeiten als Personen schwierig, dann kommen sie nicht für uns infrage. Ein Kunstverein ist trotz allem ein kleines Team, hier muss alles passen und wenn man vorab das Gefühl hat, es könnten Probleme entstehen, dann vermeiden wir es solche Positionen überhaupt erst einzuladen. Been there, got that t-shirt.
Wie viel davon entscheidest du allein, und an welchen Stellen reden Beirat oder Vorstand mit?
Einen Beirat gibt es in Aachen nicht, der Vorstand hat repräsentative Funktionen. Sprich, ich entscheide alleine, diktiere also das Programm oder erarbeite im Dialog mit dem weiteren Team, für uns interessante Projekte und Ausstellungen.
Folgt euer Programm einer inhaltlichen Setzung, oder steht jede Position für sich und der Zusammenhang zeigt sich erst im Rückblick?
Ich glaube wer das Programm der letzten Jahre ansieht wird Überschneidungen, Verbindungen, sich wiederholende Ideen als auch Aussagen wiederfinden. Den roten Faden kann und möchte ich selbst gar nicht so benennen, das schränkt doch nur unnötig ein. So ein wenig Unschärfe ist doch vielleicht auch spannender als ein Fokus.
Wo entstehen deine Entdeckungen: auf Messen, in Galerien, auf Akademierundgängen, in Off-Spaces? Oder machst du Entdeckungen auch online?
Soziale Medien sind tatsächlich heutzutage ideal um einen ersten Eindruck zu bekommen, wenngleich dann auch ein vertiefender Blick auf Homepage, später vor Ort, Studio, Ausstellung, Galerie, Off Space folgen muss. Messen sind tatsächlich zum Kennenlernen von Galerien großartig, wirklich spannende, neue Positionen findet man dort leider zunehmend seltener, da eine Messe stets auf Konsum ausgelegt ist und die Aussteller doch eher risikoscheu heutzutage scheinen. Entsprechend sind eigentlich Off Spaces oder waghalsigere Galerien der place to be um Entdeckungen zu machen.
Wie lange begleitest du eine Position, bevor du sagen würdest: Hier ist ein Werk entstanden, das trägt?
Das ist tatsächlich sehr unterschiedlich, manchmal kommt man ja relativ spät zu einer Position, da ist die Arbeit am eigenen Werk schon erledigt. Ohnehin: als Kurator muss ich keine Position formen, Richtungen vorgeben, Einfluss nehmen. Begleiten ist eigentlich genau das treffende Wort. Begleiten und sich kümmern, Möglichkeitsräume bieten, Freiraum bieten.
Woran erkennst du diese Substanz, wenn jemand erst zwei, drei Jahre von der Akademie runter ist und das Werk noch in Bewegung?
Wenn dann bereits eine Richtung klar erkennbar ist, das Werk sich also nicht verzettelt, unentschlossen in alle möglichen, aber ggf. utopischen Ideen investiert, dann kann der Kunstverein als Ort für Experimente eine solche Position auch wagen. Außerdem besteht immer noch die Option ein Werk auf Spur zu bringen, die Narrative einer Show zu formen, zurechtzurücken.
Ganz konkret: Welche Position hast du zuletzt für dich entdeckt, und auf welchem Weg?
Wenn wir jetzt von einer einzelnen künstlerischen Position sprechen, die mein Interesse geweckt hat, dann kann ich das gar nicht so benennen. Es sind ja nicht immer gleich Positionen, die dann auch Ausstellungen nach sich ziehen, wohl aber auf mein Radar gelangen. Und da ist Instagram tatsächlich noch immer der einfachste Weg, Interesse für das eigene Werk zu generieren.
Was verändert eine institutionelle Ausstellung für eine junge Position tatsächlich? Lässt sich das an einem Verlauf zeigen, den du begleitet hast?
Wir hatten sehr viele jüngere – ich sage bewusst nicht junge – Positionen, die nach den Ausstellungen im Kunstverein dann zunächst Galerierepräsentationen fanden, dann aber über diverse Ausstellungsbeteiligungen immer stärker in den öffentlichen Fokus geraten sind. Da hat der Kunstverein eindeutig die erste größere Sichtbarkeit für diese Positionen generiert. Mir fallen da unlängst Jody Korbach, Janis Löhrer, Lukas Luzius Leichtle oder auch Murat Önen ein. Solche Künstler_innen finden ihren Weg, Qualität setzt sich durch, aber wir können das ggf. beschleunigen. Völlig außer der Reihe läuft dagegen natürlich jemand wie Nora Turato, die der NAK bereits zweimal zeigte, deren Karriere so aber nicht vorauszusehen war. Im Jahr 2017 richtete der Kunstverein hier die erste institutionelle Einzelausstellung aus, mittlerweile ist die Künstlerin bei Sprüth Magers und stellte im MoMA aus.
Der institutionelle Betrieb funktioniert über Netzwerke, die sich von außen niemandem erschließen. Wie kommt man als junge Position hinein, und wie lernt man Kuratorinnen und Kuratoren überhaupt kennen?
Ausstellungen der Kolleg_innen ansehen, Gespräche suchen, nicht verzweifelt, sondern organisch, interessiert, vor allem am Werk der anderen Künstler_innen. Selbst Netzwerke knüpfen ist hier ausschlaggebend. Und nicht an Kurator_innen klebend. Der Studio Visit kommt schon irgendwann, wenn man selbst nicht dauernd danach fragt.
Was können junge Künstlerinnen und Künstler tun, um in dein Blickfeld zu geraten?
Gute Arbeit machen, sichtbar sein, im real life und auf social media. Und bloss nicht ungefragt Material, Kataloge, etc. schicken. Not a fan. Und nein, auch nicht auf Messen in Gespräche reingrätschen und diese kapern. Stattdessen mit mir über ein gutes Buch oder einen guten Film sprechen oder mir zufällig beim Konzert einer gemeinsamen Lieblingsband über den Weg laufen.
Worin besteht der größte Irrtum darüber, wie Institutionen ihre Künstlerinnen und Künstler finden?
Institutionen wird ab und an eine Nähe zu bestimmten Galerien unterstellt, das mag auch ab und an zutreffen, aber ein Kunstverein ist kein Showcase für ein Galerienprogramm. Dicht gefolgt von: ich nerve die jetzt so lange, bis ich eine Show habe. Not gonna happen.
Du bist ständig unterwegs, Eröffnungen, Messen, Dinner. Ist das der schöne oder der anstrengende Teil deiner Arbeit?
Openings sind eigentlich entspannt. Ich suche schließlich aus, wohin ich gehe. Wenn es denn auch die Zeit zulässt, der RE1, RE9, RE4, whatever, soll auch nicht mein zweites Zuhause werden. Messen bestreitet der NAK zum Teil als Aussteller, das ist dann mehr Arbeit als Entdecken. Gegen Dinner hat niemand was, aber auch hier ist ein entspanntes Zusammenkommen wichtig. Da betrachte ich Tischordnungen tatsächlich auch als Chance, nicht immer mit den gleichen Leuten ins Gespräch zu kommen, sondern neue Perspektiven kennenzulernen. Und ja, irgendwann kommt garantiert der Pitch der nächsten Show, der nächsten Position, klar, aber das gehört zum Game.
Status wird im Kunstbetrieb über Einladungen verhandelt: welches Dinner, welcher Tisch, wer noch dabei ist, wie nah man den Gastgebern sitzt. Das erinnert an das Motiv der Restaurantreservierungen in Bret Easton Ellis‘ American Psycho, bei denen es nie ums Essen geht, sondern um die symbolische Zuweisung von Status und Zugang. Wie hältst du es mit diesem Elitarismus, der der Kunstwelt immer wieder vorgeworfen wird?
Ich nehme das natürlich auch wahr, gerade wenn es auf die Großereignisse wie Gallery Weekend, Berlin Art Week, DC Open, etc. zugeht. Ist das Elitarismus? Vielleicht. Aber letztlich ist es auch eine Art Geschäftsverhandlung, ein Investment mit stets offenem Ende, aber im besten Fall ein guter Abend für alle Parteien.
Deine Top 5 Messen, auf denen sich junge Kunst entdecken lässt, die noch niemand auf dem Schirm hat.
Paris Photo, Artissima, miart, Art Düsseldorf zuletzt sogar mehr als Art Cologne. Oh, ich könnte übrigens auch sagen wo man sicher keine findet.
Deine Top 5 jungen Positionen, die du zuletzt entdeckt hast.
Wait and see – die Konkurrenz liest mit.
Deine Top 5 Ausstellungen dieses Jahres, außerhalb des eigenen Hauses.
In keiner bestimmten Reihenfolge, damit ohne Wertung und leider nur vier Stück: P. Staff – Durchdringung, Bonner Kunstverein; Gregory Crewdson – Retrospektive, Kunstmuseum Bonn; Ocean Vuong: Sống, CPW New York; HELMUT LANG. SÉANCE DE TRAVAIL 1986–2005 / Excerpts from the MAK Helmut Lang Archive, MAK Wien.
