Albrecht/Wilke

Albrecht/Wilke ist ein 2016 gegründetes Künstlerduo aus Berlin, bestehend aus Tim Albrecht (*1992) und Hannes Wilke (*1991). Nach ihrem Studium der Freien Kunst an der HBK Braunschweig sowie dem anschließenden Masterstudium bei Anselm Reyle an der HFBK Hamburg entwickeln sie gemeinsam eine eigenständige Bildsprache zwischen Malerei, Collage und kultureller Beobachtung.

Der künstlerische Prozess von Albrecht/Wilke basiert auf einem fortwährenden Dialog. Entscheidungen werden ergänzt, übermalt oder bewusst konterkariert. Dabei tritt das individuelle Künstlerego zugunsten einer gemeinsamen Position zurück. Ihre Zusammenarbeit versteht sich als kollektive Bildproduktion, die traditionelle Vorstellungen von Autorschaft hinterfragt und das produktive Spannungsfeld gemeinsamer künstlerischer Praxis sichtbar macht.

Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Malerei, die jedoch regelmäßig in Skulpturen, Installationen und performative Formate erweitert wird. Mit Projekten wie „Icebreaker“, einem acht Meter hohen aufblasbaren Gartenzwerg, schaffen sie soziale Skulpturen, die neue Formen der Interaktion mit dem Publikum ermöglichen.

In ihren Werken verbinden Albrecht/Wilke Motive der Popkultur und des deutschen Alltags mit kunsthistorischen Referenzen und stereotypen Symbolwelten des Spießbürgertums. Vor monumentalen Landschaften oder abstrakten Bildräumen erscheinen Elemente der Mittelschichtsküche, Konsumkultur oder Freizeitwelt. Mit Humor, Ironie und kritischer Distanz untersuchen sie gesellschaftliche Gewohnheiten, kollektive Sehnsüchte und kulturelle Identitäten. Zwischen Zuneigung und Satire entstehen Arbeiten, die vertraute Bilder hinterfragen und neue Perspektiven auf den Alltag eröffnen.

FUCKING DELICIOUS LANDSCAPES
von Arne Schmidt

Vor majestätischen Landschafts- und Naturdarstellungen schweben Leitmotive einer stereotypen Mittelschichtsküche, die irritieren und gleichzeitig verzücken. In ihren malerischen Kollagen setzt sich das Künstlerduo Albrecht/Wilke auf humorvolle Weise mit ihrem Deutsch-Sein auseinander. Mit Ironie und Scharfsinn führen sie uns eine Bürgerlichkeit vor Augen, die uns mit subtiler Vertrautheit trifft, obwohl man sich ein ums andere Mal wünschen würde, dass sie es nicht täte.

Das in Berlin lebende und arbeitende Malerduo Albrecht/Wilke greift in der Ausstellung typisch deutsche Gerichte auf, die besonders polarisieren. Ein Hawaii-Toast beispielsweise kennt keine Graustufen. Entweder man liebt die Komposition aus leicht gebräuntem, kross geröstetem Toastbrot, auf dem ein saftiger Kochschinken und eine fruchtig süße Dosen-Ananas vom zart schmelzenden Scheiblettenkäse überzogen ist, oder man hasst sie. Ganz gleich, zu welcher Seite man sich zählt: Schon von weitem zeichnet sich seine verheißungsvolle Silhouette ab, und allein durch das Hinschauen kitzelt einem der Geschmack die Zunge.

Auch die anderen Motive – ob Grillhähnchen, Schwarzwälder Kirschtorte oder Currywurst – sind so vertraut, dass ihre malerischen Abbilder ambivalente Gefühle auslösen. Sie zu erkennen und in eigenen Erinnerungen zu schwelgen ist befriedigend, weil sie so anschlussfähig und nah sind. Sehen wird im wahrsten Sinne des Wortes zum Genuss. Wie die Currysoße an die Wurst schmiegt sich die Vertrautheit des Motivs an die Betrachtenden, obwohl diese doch eigentlich versuchen, Abstand zu gewinnen.

Denn seien wir ehrlich: In einer Currywurst steckt, abgesehen von ihrem Geschmack, kaum etwas Gutes. Und obwohl man es besser weiß, lässt einen die Aussicht auf eine schnelle Wurst häufiger schwach werden, als man sich eingestehen möchte.

Scheinbar bezugslos schweben die unterschiedlichen Gaumenfreuden vor Landschaften, die in ihrer Vertrautheit den essbaren Genüssen in nichts nachstehen. Diese romantisch überhöhten Naturdarstellungen finden immer einen Weg in die Seele und lassen uns warm ums Herz werden. Dem Erhabenen kann man sich nur schwer entziehen. Schon Caspar David Friedrich machte sich diese Überhöhung zunutze und begeistert die Betrachtenden bis heute. Albrecht/Wilke verwenden ähnliche Mittel, um Sonnenuntergänge am Meer oder Gebirgslandschaften zu inszenieren, die emotional berühren.

Ihrem Motto folgend, „gute Malerei“ zu machen, bedienen sich die Künstler unterschiedlicher Stile der Kunstgeschichte. Sie samplen und kombinieren das feinmalerische Handwerk der Romantik mit dem expressiven Pinselstrich der Jungen Wilden und lassen diese Bildsprachen unmittelbar aufeinandertreffen. Wo Caspar David Friedrich noch Rückenfiguren nutzte, um die Betrachtenden ins Bild zu ziehen, übernehmen bei Albrecht/Wilke Klassiker der deutschen Kulinarik diese Rolle. Der Kontrast zwischen einem banalen Hawaii-Toast und einem dramatisch inszenierten Sonnenuntergang ist charakteristisch für ihre Arbeiten.

Die Gleichzeitigkeit des Alltäglichen und des Überwältigenden, des Einfachen und der kunsthistorischen Referenz befreit von Deutungszwängen. Die Werke müssen nicht entschlüsselt werden, um zu wirken. Sie sind unmittelbar, zugänglich und voller Widersprüche – kurz: Fucking Delicious.

Salty Desires, Ausstellungsansicht, Galerie Roberta Keil, 2025

Deutsch! Ausstellungsansicht, Kunstmuseum Heidenheim, Foto: Ignacio Iturrioz, 2025

Fucking delicious Landescapes, Ausstellungsansicht, Weserhalle, 2023, Foto: Dotgain

Icebreaker Neu Venedig, Projekt zusammen mit Lutz Henke, Foto: Kevin McElvaney, 2022