Ludwig Seyfahrt – Kurator & Kunstkritiker

Kunstkritiker und Kurator über den Weg junger Künstler in den Ausstellungsbetrieb
Ludwig Seyfarth wurde 1960 in Hamburg geboren. Nach dem Studium der Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie ist er seit 1987 als freier Autor tätig. Viele Jahre schrieb er regelmäßig für Magazine und Zeitungen, unter anderem für Die Woche, Süddeutsche Zeitung, taz, FAZ.net, Hamburger Rundschau, Design Report, artist Kunstmagazin, Konkret, Kunst & Kultur sowie artnet.de. Heute erscheinen seine Texte vor allem in Katalogen und Buchpublikationen.
2007 erhielt er den ADKV-ART COLOGNE Preis für Kunstkritik. 2008 erschien sein Aufsatzband „Unsichtbare Sammlungen“ (Reihe Fundus, Verlag Philo Fine Arts, Hamburg).
Im Rahmen von Gastprofessuren und Lehraufträgen war er an zahlreichen deutschen Kunsthochschulen tätig. Als Ausstellungskurator arbeitete er unter anderem für das Kunsthaus Hamburg, die Villa Merkel in Esslingen, das ZKM Karlsruhe, die Kunsthalle Nürnberg und das KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst in Berlin. Seit 2010 ist er regelmäßiger Kurator für KAI 10 | Arthena Foundation in Düsseldorf.
Aus dieser seltenen Doppelperspektive als Kritiker und Kurator spricht er darüber, wie junge Künstlerinnen und Künstler sichtbar werden und worauf es beim Einstieg in den Ausstellungsbetrieb wirklich ankommt.

Sie sind Kritiker und Kurator zugleich. Wie verändert dieser doppelte Blick, was Sie an der Arbeit eines jungen Künstlers wahrnehmen?

Da ich selbst kein junger Autor (ich ziehe ihn dem Begriff „Kritiker“ vor, denn „Kritiken“ im engeren Sinne verfasse ich seit Jahren nicht mehr) und Kurator mehr bin, konzentriert sich mein Blick nicht mehr so stark auf das „Entdecken“ junger Positionen.

Hochschulrundgänge z. B. besuche ich nur manchmal, und dann schaue ich mir vor allem die Werke von Absolventinnen und Absolventen an. Hier entdecke ich am ehesten etwas, das für meine kuratorischen Vorhaben interessant sein könnte. Einen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem „Kritiker-“ und dem Kuratorenblick kann ich bei mir nicht erkennen.

Werke von Studierenden schaue ich mir anders und genauer an, wenn ich eine Lehrtätigkeit an einer Akademie ausübe, was immer wieder temporär der Fall war. Hier geht es darum, sich mit der Entwicklung der Studierenden auseinanderzusetzen, und nicht darum, ob ich etwas darüber schreiben oder es ausstellen könnte oder wollte.

 

Wenn Sie eine Ausstellung vorbereiten: Wie finden Sie die Positionen, die Sie zeigen? Über Atelierbesuche, Empfehlungen, Hochschulrundgänge oder Recherche? Wie landet ein bislang unbekannter Name auf Ihrer Liste?

Dass ich auf eine für mich interessante Position aufmerksam werde, kann auf unterschiedliche Weise geschehen. Zum Beispiel sehe ich sie in einer Ausstellung, oder jemand, der meine Interessenlagen etwas kennt, empfiehlt mir jemanden. Grundsätzlich folge ich der Maxime: Ich suche nicht, ich finde. Atelierbesuche mache ich meistens dann, wenn ich über eine Künstlerin oder einen Künstler schreiben soll oder wenn mir die Position im Hinblick auf eine geplante Ausstellung interessant erscheint. Einladungen zu Atelierbesuchen folge ich, wenn mir die Arbeit interessant erscheint und ich Zeit dazu habe.

Wie wichtig ist der Studiobesuch, und woran erkennen Sie im Atelier, ob eine Zusammenarbeit Sinn ergibt?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Es hängt nicht immer davon ab, wie ich die Arbeit qualitativ sehe, sondern auch davon, wie ich sie im Kontext der geplanten Ausstellung sehe.

Bei KAI 10 zeigen Sie regelmäßig auch jüngere Positionen in einem konzeptuellen, oft thematischen Rahmen. Wie wählen Sie diese aus? Und wann passt eine junge Position in eine Ausstellung?

Ich sehe meine Ausstellungen nicht als „Themenausstellungen“ im engeren Sinne. Es gibt kein von vornherein feststehendes „Thema“, das ich dann durch die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler quasi durchdekliniere. Ich bewege mich zunächst durch ein noch unscharfes Feld, das sich erst über die einzelnen Positionen, die ich dann auswähle, konkretisiert. Die Kuratorinnen und Kuratoren, mit denen ich gemeinsam Ausstellungen entwickle, gehen meist relativ ähnlich vor.

 

Wie wichtig ist es, dass ein junger Künstler seine Arbeit erklären und einordnen kann?

Es hilft natürlich, wenn man gut über die eigene Arbeit sprechen kann, aber zu viel Erklärung und Einordnung kann anderen auch den Raum für das eigene Sich-Einlassen auf die Arbeit nehmen. Je konkreter und direkter bei der Arbeit, umso besser. Bemühtes Herbeizitieren von Diskursen kommt zumindest bei mir eher nicht so gut an.

Welche Rolle spielen Kunstvereine und Off-Spaces als Einstieg?

Das hängt schlichtweg davon ab, wer es dort sieht. Es ist natürlich ein Unterschied, ob man schon früh Gelegenheit hat, z. B. im Kölnischen Kunstverein auszustellen, oder ob es einer in einer kleinen Stadt fernab von den Zentren der Kunstszene ist (was die Leistung vieler bemerkenswerter Kunstorte in der so genannten Provinz nicht schmälern soll). Was Off-Spaces betrifft, mache ich z. B. in Berlin die Beobachtung, dass Kuratorinnen und Kuratoren von Institutionen oder potente Sammlerinnen und Sammler sich dort eher selten blicken lassen. Ich selbst schaffe es auch nur bei einem Bruchteil der zahlreichen Projekträume, sie ab und zu zu besuchen. Die Künstlerinnen und Künstler bleiben dort oft mehr oder weniger unter sich.

Wie kommt man als junger Künstler überhaupt in eine institutionelle Gruppenausstellung? Welcher realistische erste Schritt führt dorthin?

Dass eine Kuratorin oder ein Kurator die Arbeit irgendwo sieht oder empfohlen bekommt. Glück oder Zufall bzw. zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, spielt eine erhebliche Rolle, aber Qualität erhöht zumindest die Wahrscheinlichkeit.

Wie unterscheiden sich die Wege in eine Galerie und in eine Institution? Und sollten Künstler diese Wege strategisch voneinander trennen?

Hier wie dort gilt, dass der Weg fast nie hinführt, wenn man sich selbst vorstellt oder eine Mappe hinschickt. Es muss jemand die Arbeit letztlich irgendwo entdecken oder einen Hinweis bekommen. Als Künstlerin oder Künstler selbst kann man das ohne die entsprechenden Kontakte nur bedingt beeinflussen. Natürlich sind kommerzielle Galerien etwas anderes als staatliche, städtisch oder manchmal auch privat getragene Institutionen. Eine strategische Trennung geht aber an der Realität vorbei, denn der Kunstmarkt wirkt auch in die Ausstellungshäuser hinein. Eine Ausstellung in einem renommierten Museum kann die Preise in die Höhe treiben, und ich höre immer wieder, dass Künstlerinnen und Künstler bei ihren Galerien bemängeln, dass diese nicht in der Lage sind, sie in institutionelle Ausstellungen zu bringen.

Und Galerie ist nicht gleich Galerie und Institution nicht gleich Institution. Man sollte schon eine realistische Selbsteinschätzung davon entwickeln, wo die eigene Arbeit einigermaßen hinpassen könnte.

 

Wie baut man als junger Künstler ein Netzwerk auf, wenn man niemanden kennt? Wo sollte man anfangen?

Zum Beispiel, indem man sich mit Kolleginnen und Kollegen zusammentut und einen Raum aufmacht, in dem man sich und andere ausstellt. Da ist die Chance, dass Kontakte entstehen, zumindest größer, als wenn man nur im Atelier oder in der Kneipe herumsitzt.

Wie viel zählt persönliche Präsenz bei Eröffnungen und Atelierbesuchen heute noch im Vergleich zu digitaler Sichtbarkeit und Instagram?

Das kann ich nicht einschätzen. Ich bin eher ein Social-Media-Muffel und schaue regelmäßiger auf Websites als in Instagram-Accounts, aber ich höre immer wieder, dass Galerien oder andere Akteure Positionen auf Insta entdecken.

Ich merke aber auch immer wieder, dass sich Atelierbesuche oder Ausstellungseinladungen wahrscheinlicher ergeben, wenn eine Begegnung nicht nur mit dem Werk, sondern auch mit der Künstlerin oder dem Künstler persönlich stattfand.

Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen sinnvoller Vernetzung und Anbiederung?

Wenn jemand mir zu sehr wie ein Selbstvermarkter oder -verkäufer auftritt, gehe ich eher auf Abstand.

 

Welcher verbreitete Irrtum über Kuratoren oder den Ausstellungsbetrieb schadet jungen Künstlern am meisten?

Dass Kuratoren „auf der anderen Seite stehen“. Ich sehe mich immer als eine Art Komplizen der Künstler, der versucht, alles möglich zu machen, was geht. Aber alles geht natürlich nie.

Wenn Sie einem 25-jährigen Künstler nur einen einzigen Satz mitgeben dürften: Welcher wäre das?

Konzentriert weiterarbeiten, immer noch besser werden zu wollen. Ohne gesunden Ehrgeiz geht es nicht. Und die Leidenschaft und die Konzentration darauf, die eigene Kunst weiterzuentwickeln, dürfen nicht nachlassen, wenn man an den äußeren Rahmenbedingungen einer möglichen Karriere arbeitet.